Gibt es Pestizide in der Luft?

Erstellt am 19.01.2024 aktualisiert am 19.01.2024
Dr. Niels Kohlschütter
Agarökonom Dr. Niels Kohlschütter
Fachkompetenz: Fachkompetenz

Sind Pestizide in der Luft nachweisbar?

Pestizide verbreiten sich in ganz Deutschland kilometerweit durch die Luft. Dies belegt eine neue bundesweit durchgeführte Studie zur Pestizidbelastung der Luft: Die Studie wurde vom Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft und dem Umweltinstitut München beim Forschungsbüro „TIEM Integrierte Umweltüberwachung“ in Auftrag gegeben. Die Messungen erfolgten in den Jahren 2014-2019 und wurden mit vier verschiedenen Methoden untersucht.
Pestizide werden versprüht: Gibt es Pestizide in der Luft?

Meine Meinung

Das Risiko für die gesundheitlichen Folgen von Pestizidcocktails in der Luft ist unabsehbar. Daher muss auf europäischer Ebene dringend gehandelt werden. Dass wegen Pestiziden in der Luft gehandelt werden muss, belegt auch die Forderung der „Farm to Fork Strategie“ der EU, die eine Reduktion des Pestizideinsatzes um 50 % bis zum Jahr 2030 fordert. Für Notfälle können wir bestimmte Pestizide vorbehalten, aber grundsätzlich sollten wir daran arbeiten, bis zum Jahr 2035 in der EU schrittweise alle chemisch-synthetischen Pestizide zu verbieten. Im europäischen Pestizid-Zulassungsverfahren muss bis dahin der Ferntransport und die Kombinationswirkung unterschiedlicher Wirkstoffe stärker berücksichtigt werden. Die Initiative des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), ein jährliches Monitoring über die Verbreitung von Pestiziden in der Luft durchführen zu lassen, ist überfällig. Allerdings muss sichergestellt werden, dass das Monitoring regelmäßig, flächendeckend und umfassend für alle Pestizidwirkstoffe – also auch für nicht zugelassene – durchgeführt wird.

Essentials

Pestizide sind in ganz Deutschland in der Luft nachweisbar. Sie sind in der Luft auf dem Land, in der Stadt und selbst in Nationalparks nachweisbar.

Die Anzahl und vor allem, die Mischung der gefundenen Pestizide ist entscheidend dafür, ob Pestizide in der Luft eine Gefahr sind.

Die Intensität der Pestizide in der Luft variiert und sollte durch weitere Studien untersucht werden, um zu prüfen, ob es grundsätzlich Pestizide in der Luft gibt, welche Pestizide es sind und ob diese Mischung eine Gefahr darstellt.

Die Windrichtung ist entscheidend, ob es an Orten Pestizide in der Luft gibt.

Sind Pestizide in der Luft nachweisbar? Die Messmethoden.

Die Messungen wurden an insgesamt 163 Standorten in ganz Deutschland zwischen 2014 und 2019 durchgeführt.

 

Untersucht wurden Standorte im Umkreis von weniger als 100 bis hin zu mehr als 1000 Metern Entfernung von den potenziellen Quellen – in Städten und auf dem Land, in konventionellen und Bio-Agrarlandschaften sowie in unterschiedlichen Schutzgebieten. Die Daten wurden mithilfe von neu entwickelten technischen Passivsammelgeräten, aus Filtermatten in Be- und Entlüftungsanlagen von Gebäuden sowie durch Pestizidfunde in Bienenstöcken und Baumrinden erhoben. Unterstützt wurde die Studie von LandwirtInnen, ImkerInnen und interessierten Privatpersonen. Sie stellten die Pestizidsammler nach Anleitung der WissenschaftlerInnen auf und sendeten die Proben zur Auswertung ins Labor. In die Gesamtstudie flossen zudem Ergebnisse einer Untersuchung ein, bei der zwischen 2014 und 2019 Baumrinden auf Pestizide geprüft wurden.

Die wichtigsten Ergebnisse zu Pestiziden in der Luft

WissenschaftlerInnen des Forschungsbüros „TIEM Integrierte Umweltüberwachung“ konnten unter anderem das von der Weltgesundheitsorganisation als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestufte Glyphosat in allen Regionen Deutschlands und weit abseits von Ursprungs-Äckern nachweisen. An rund drei Viertel aller untersuchten Standorte wurden jeweils mindestens fünf und bis zu 35 Pestizidwirkstoffe und Abbauprodukte von Pestiziden gefunden. Selbst auf der Spitze des Brockens im Nationalpark Harz waren 12 Pestizide nachweisbar. Insgesamt fanden sich deutschlandweit 138 Stoffe, von denen 30 Prozent zum jeweiligen Messzeitpunkt nicht mehr oder noch nie zugelassen waren.

 

Die ganze Studie ist zu finden unter: www.ackergifte-nein-danke.de

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