Wird bei Bio gespritzt?

Erstellt am 19.01.2024 aktualisiert am 19.01.2024
Torsten Gauger
Torsten Gauger
Fachkompetenz: Marketing und Werbung

Sind chemisch-synthetische Spritzmittel im Bio-Landbau zulässig?

In der ökologisch, biologischen Produktion sind chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel nicht zugelassen. Der Pflanzenschutz erfolgt dort im Wesentlichen durch den Aufbau gesunder Böden, die Auswahl widerstandsfähiger Sorten und Saaten, vielfältige Fruchtfolge und die Förderung von Nützlingen. Spritzmittel dürfen nur bei drohendem Ernteverlust eingesetzt werden und sind im Wesentlichen auf leicht und rückstandslos abbaubare, natürliche Stoffe begrenzt.

Pestizide Spritzmittel Landbau Bio

Meine Meinung

Die Landwirtschaft hat großen Anteil am Klimawandel, Artenschwund und dem Verlust an Böden und Wasser-Ressourcen. Es braucht Förderungen für ökologische Landwirtschaft, um selbst Konzerne zur radikalen Änderung hin zu Bio-Geschäftsmodellen zu motivieren. Persönlich erfüllt mich der Zustand des Planeten mit großer Sorge, insbesondere in Hinsicht auf kommende Generationen. Aber auch für die schon geborenen Generationen kann die weltweite Zerstörung unserer Lebensgrundlagen auf keinen Fall noch lange so weitergehen. Ein wesentlicher Faktor ist heute unser Wirtschaftssystem, das in weiten Teilen unverändert die Schäden, die es verursacht, auf die junge Generation abwälzt. Das gilt ganz besonders auch für die Landwirtschaft, die zum Beispiel einen großen Anteil am Klimawandel, aber auch am Artenschwund und dem Verlust an Böden und Wasserressourcen hat. Sie ist dabei, sich die eigenen Grundlagen zu entziehen. Einen Ausweg stellt die ökologische Landwirtschaft dar, deren Potenziale noch viel besser erforscht und in wirksame Handlung umgesetzt werden müssen. Sie benötigt weltweit dringend deutlich mehr Förderung, ähnlich wie der Umbau der Energieversorgung in Richtung regenerativer Energien. Ich setze darauf, dass die jungen Menschen weltweit dies erkennen und alles daran setzen, die zerstörerischen Elemente unserer Wirtschaftsordnungen konsequent durch nachhaltige Systeme ersetzen werden. Rein vom Shareholder-Value getriebene Konzerne auch im Landwirtschafts- und Chemiesektor werden sehr schnell gezwungen sein zu lernen, dass sie ihre Geschäftsmodelle in kurzer Zeit radikal ändern müssen.

Torsten Gauger
Torsten Gauger
Fachkompetenz: Marketing und Werbung

Werden Bio-Produkte gespritzt?

Wenn man es genau nimmt (und das wollen wir hier), so stimmt beides, “ja” und “nein”.

“Ja” deshalb, weil im Öko-Landbau einige wenige “Spritzmittel” erlaubt sind. Sie sind meistens pflanzlichen oder mineralischen Ursprungs. Es gilt dann aber immer das “Medikamenten-Prinzip” – das heißt, sie dürfen laut EU-Bio-Verordnung nur dann eingesetzt werden, wenn ein Ernteverlust sonst nicht abgewendet werden könnte. Ein Bio-Landwirt wird also zunächst alle anderen Methoden nutzen, um seine Ernte zu schützen. Dazu gehören Methoden wie der Aufbau eines gesunden, fruchtbaren Bodens, eine vernünftige Fruchtfolge, die richtige Sortenwahl, die Verwendung widerstandsfähigen Saatguts sowie die Förderung von Nützlingen und Artenvielfalt.

Alternativen zum Spritzen von Bio-Produkten

Sollten alle diese ganzheitlichen und vorbeugenden Maßnahmen einmal nicht ausreichen, kann der Öko-Landwirt auf natürlich vorkommende Stoffe wie Neem (Extrakt des Neem-Baums), Pilzsporen oder Pyrethride, die aus Blüten gewonnen werden, zurückgreifen. Diesen Stoffen ist zu eigen, dass sie sich in der Umwelt unter natürlichen Bedingungen recht schnell rückstandslos abbauen und doch wirkungsvoll sind. Auch natürlich vorkommende Bakterien wie das Bacillus thuringiensis oder Rapsöl wirken gegen bestimmte Pflanzenschädlinge.

Welche Pestizide lassen sich bei Bio-Produkten finden?

“Nein, Bio-Produkte werden nicht gespritzt” gilt in Hinsicht auf diejenigen “Spritzmittel”, die in aller Regel gemeint sind, wenn man darüber spricht. Und das sind die chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel, die ja in der Umwelt und in ihrer Wirkung auf Mensch, Tier und Boden das größte Problem darstellen. Sie stellen unter anderem deshalb ein solches Problem dar, weil sie zum Teil sehr langlebig sind, also sich schlecht abbauen, sich auf Lebensmitteln lange halten, sich über Grundwasser und Wind verteilen, sich oft im menschlichen und tierischen Organismus anreichern und hinsichtlich ihres Gefahrenpotenzials häufig nicht ausreichend erforscht sind. Einige von Ihnen stellen zudem eine massive Gefährdung für Nutzinsekten wie z.B. Bienen dar. Stoffe wie Glyphosat sind daher heute vermutlich nahezu überall zu finden, auch fern von landwirtschaftlichen Nutzflächen.

Beispielsweise kamen im Jahr 2007 die chemischen Untersuchungsämter des Landes Baden-Württemberg zu dem Ergebnis, dass konventionelles Gemüse im Handel 32-mal und konventionelles Obst 6,5-mal so stark mit chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln belastet sind, wie ökologisch angebautes Obst und Gemüse. Auch wenn heute auf konventionellem Obst und Gemüse einzelne chemisch-synthetische Pestizide je Einzelstoff nur noch in geringerem Umfang als früher nachweisbar sind, so sind es in Summe doch wieder viele Pestizide, weil heute eher ein ganzer “Cocktail” von Pflanzenschutzmitteln in “Kombination” eingesetzt wird, um beim Einzelstoff unter den gesetzlichen Grenzwerten zu bleiben.

Welche Pestizide sind im konventionellen Landbau zugelassen?

Hier finden sich alle grundsätzlich für die konventionelle Landwirtschaft zugelassenen Pflanzenschutzmittel: www.bvl.bund.de/psmdb. In der Liste sind alle Pestizide, die man als konventioneller Landwirt nutzen darf. Darunter sind ganz verschiedene Anwendungsfälle:

  • Akarizide gegen Milben/Spinnentiere.
  • Avizide gegen Vögel.
  • Bakterizide gegen Bakterien.
  • Fungizide gegen Pilze.
  • Herbizide gegen Pflanzen:
    • Algizide gegen Algen.
    • Arborizide gegen Gehölze.
    • Graminizide gegen Gräser.
  • Insektizide gegen Schadinsekten.
  • Molluskizide gegen Schnecken.
  • Nematizide gegen Nematoden (Fadenwürmer).
  • Ovizide gegen (Insekten-)Eier.
  • Rodentizide gegen Nagetiere.
  • Viruzide gegen Viren und Viroide

Welche Spritzmittel sind im Ökologischen Landbau zugelassen?

Für den ökologischen Anbau gilt einschränkend die spezielle Liste der zugelassenen Pflanzenschutzmittel für den ökologischen Landbau nach der Verordnung (EG) Nr. 834/2007, die vorwiegend aus Fettsäuren, Pflanzenölen, Kupfer, Pheromonen, Pyrethrine und Piperonylbutoxid besteht.

Kritik an Spritzmethoden der Bio-Produkte

Sofern im ökologischen Landbau vereinzelt kritisch zu betrachtende Stoffe wie Kupfer eingesetzt werden dürfen (Wein- und Hopfenanbau), so findet hier doch viel Forschung statt, um diese so rasch wie möglich ablösen zu können. Kupfer stellt einen Sonderfall dar, für ihn gibt es bislang noch keine hinreichenden Alternativen, um Krankheiten wie falschen Mehltau, Krautfäule oder Schorf zu bekämpfen. Er kann in zu hoher Anreicherung im Boden Organismen schädigen. Im konventionellen Anbau sind von diesem Stoff im Vergleich zum Öko-Anbau allerdings die drei- bis vierfachen Mengen zulässig.

Erhalt und Aufbau von nährstoffreichen Böden

Missverständlicherweise wird der Öko-Landbau von Konsumenten unverändert häufig deshalb als besser als die konventionelle Landwirtschaft angesehen, weil er zu rückstandsärmeren bzw. auch rückstandsfreien landwirtschaftlichen Erzeugnissen beiträgt. Das ist jedoch eine verkürzte Betrachtungsweise. Mindestens genauso wichtig sind seine Beiträge zum Erhalt der Artenvielfalt, zum Schutz der Gewässer (Stichwort “weniger synthetische Düngemittel”) wie auch zum Erhalt und Aufbau von humusreichen Böden. Eines der größten – und noch viel zu wenig diskutierten – Probleme der Landwirtschaft ist der massive Verlust fruchtbaren Bodens weltweit. Dieser Verlust ist ganz wesentlich auf die kommerziell orientierte Intensivlandwirtschaft zurückzuführen, die u.a. durch Monokulturen, ungeeignete Pflanzenwahl, Erosion und die Vernichtung von Bodenlebewesen das Verschwinden wertvollen Humus verursacht. Dies ist nicht nur deshalb ein Problem, weil derart geschädigte Böden häufig kaum noch regenerierbar sind und sich auch nicht mehr zum Pflanzenanbau eignen, sondern weil sie auch ihre Funktion, CO2 zu binden, verlieren und somit den Klimawandel beschleunigen. Der Öko-Landbau gilt deswegen auch als einer der wichtigsten Beiträge zum Klimaschutz.

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